Wie auf dem Nichts plötzlich etwas steht
27 12 2011Was ich hier treibe, was ich hier suche, was ich möchte und vor allen Dingen, was soll diese Schreiberei? Sie ergibt nicht den geringsten Sinn, außer, dass etwas von selbst entsteht, ob es nun nützlich sei oder nicht. Ich denke, es liegt nicht in meiner Hand, nicht in meinen Fingern, und schon gar nicht zwischen der Kommunikation des Gehirns mit den flinken Fingerchen, die über die Tastatur huschen, als würden sie gejagt werden.
Der pikante und bittere Geruch, der mir von rechts aus dem Aschenbecher entgegenströmt, meine Nüstern kitzelt, indem er sie leicht beisst, ist wohl auch alles andere als komfortabel. Was soll der ganze Terz? Alles ein beschissenes aufgesetztes Klischee, von dem ich nicht einmal weiß, ob es mir darin gut gehen wird. Genau so wird man doch die ganze Zeit, getrieben von einer inneren Peitsche, irgendwohin getrieben, ohne wirklich zu wissen, ob es auch der passende Handschuh ist. Man streift sich etwas über, das meist zu groß oder zu klein ist.
Gefühlsduselei hin, Empfindsamkeit her, der Widerspruch war schon immer die größte Faszination, die ich kannte, doch verliert auch das Widersprüchlichste irgendwann seinen Reiz. Ja, und in genau solch einem Moment befinde ich mich gerade: suhlend, wie ein gemästetes Schwein, im Schlamm, in den eigenen Trümmern der Identität. Wahrlich eine bequeme Lage im Schmutz zu finden, das wäre doch mal eine Motivation, ein Lebensinhalt. Doch auch dieser Schotter scheint mir im Moment zu bequem.
Verschont mich vor Halbundhalbtagen, um es mit Hesse auszudrücken, gebt mir Beschissenes und ich werde euch etwas daraus basteln. Aber eben diesen Weg will ich nicht gehen, da er schon so oft vor mir gegangen wurde. Für einen Alchemisten will ich nicht gehalten werden. Mir geht es gut, keine Frage. Mir geht es nicht schlecht, keine Frage. Wie geht es mir denn? Ich habe nicht die geringste Ahnung, das wäre vermutlich die ernstgemeinteste Antwort, wenn ich schon darauf bestehe, meinen behämmerten Fragen eine Rückkoppelung zu verpassen. Wenn ich jetzt schreibe: „Elender Skribent lass mich bitte in Ruhe!“, dann denkt nicht nur die Hälfte: „Oh, der Grad zur gespaltenen Persönlichkeit ist gleich erreicht, bange!“.
Vielleicht ist die Hälfte einfach nur zu wenig. Just in dem Augenblick, indem ich weiß, ich bin alleine und doch umgeben, ja, dann fängt die Party an. Dann geht es rund und jeder darf sich mal zu Wort melden. Jeder darf ein Sätzchen zum Besten geben, und ich trage Sorge dafür, dass auch wirklich nichts verloren geht. Bisher sind leider die meisten noch etwas schüchtern, verstecken sich hintereinander, gehen sich gegenseitig aus dem Weg. Alles was dann letztendlich meine Aufgabe wäre, und ja, ich sehne mich nach einer wirklichen Aufgabe, nach einer Mission, nach einer selbstauferlegten Berufung, wäre: das Medium zu sein. Die Kerze, die sowohl von unten als auch von oben brennt, die rege Gesellschaft mit Brennstoff zu versorgen; lediglich ein Medium – das brennende Wachs, das etwas erleuchtet, worauf ich alleine nicht kommen kann. Dafür benötigt nun einmal jeder etwas Hilfe. Mit weit ausgestreckten Armen und einem runden Kopf, der für alles empfänglich ist, stehe ich hinter der Schranke und warte, bis sie entweder von selbst zerbirst oder ein gewisser jemand, es darf auch ein Teil von mir sein, diese Schranke öffnet und das Ungetüm in Form eines Brennmaterials auf die Tanzfläche von paper blank loszulassen.
Allmählich lichtet sich mein Studierzimmer, es wirkt kahler, da die Kleinigkeiten abmontiert wurden. Und das ist gut so, es schreit in mir nach einer leckeren Katharsis. Das sie nicht einfach werden würde, wusste ich von Anfang an. Allerdings entsteht nur dort etwas Neues, wo ein gewisser Grad an Chaos herrscht. Sprich, die gewohnten Blickfänger müssen verschwinden, um die Blicke zu schärfen, die Perspektiven und Objektive zu justieren. Dort Platz schaffen für Leere, ergo Chaos, nur dort wird sich etwas neues entwickeln. Wo nichts ist, ist entweder Weiß oder Schwarz. Entwickelt sich ein Film, eine Kamera zum Beispiel, nicht auch aus dem absolut verdunkelten Zimmer, aus dem schwarzen Fleck, aber dennoch entsteht der Abdruck auf dem unentwickelten Film nur durch die pure Einwirkung der Überfülle der Farben, also dem Weiß. Schwarz und weiß, ja da haben wir sie wieder, die guten alten Vertrauten – die Widersprüche, das Paradoxe.
Nichtsdestotrotz muss gesagt werden, dass ich mich noch in einer grauen Zone, einer fatalen, na ja etwas bunt formuliert, angeklecksten Situation befinde. Zu aller erst muss Farbe abgetragen werden, um ungekannte Farben zuzulassen. Die Palette muss gesäubert werden, um eine ungewohnt, vielleicht zunächst etwas merkwürdige Kombination aus verschiedensten Einflüssen, schmeckende Konstellation erkennen zu können. Ja, ich hoffe aus diesem kackbraunen Bluterguss etwas deuten zu können. Die schwere neue Palette, gehäuft mit Allerlei an Erfahrung werde ich mir unter die Nase reiben, mich damit einschmieren, mich vor den Spiegel stellen, mich im Kreis drehen, mich betrachten und solange weiter auftragen, bis ich das Gefühl bekomme, daraus lässt sich ein kleines Fernrohr in Richtung Ewigkeit abkupfern. Mehr als abkratzen werde ich nicht können, für den Anfang jedoch wird und muss es reichen. Ich denke, es würde mich, wenn auch nicht weit, allerdings ein Stückchen weiter bringen. Dieser verquere Gedankengang lässt sich auch kürzer fassen: das Abkratzen der neuen Kruste, die im Ofen des Lebens frittierte Ummantelung abzuwälzen, die Schälung, das Häuten der brennenden Zwiebel zu genießen; ich weiß, ich freue mich schon darauf!
Anzusammeln durch Jagd, archivieren durch Entblössung, damit wären zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Ein Prozess, der sich meiner Meinung nach lohnt. Wem bereitet es keine Freude, seine frisch vernarbte Wunde zu entkrusten. Ein endlicher Vorgang mit ewigem Hintergrunde. Die Narbe bleibt und die Geschichte erst recht. Der Wille zur Destruktion geht einher mit dem Trieb so großartig zu leben, wie nur möglich.
Habe ich etwas nicht bedacht? Habe ich mir Unrecht angetan? Nein, nicht im Geringsten, du bist auf dem besten Wege ein reicher Mann zu werden. Allerdings muss am Rande noch der humane Aspekt erwähnt werden: Keiner außer dir selbst darf zu Schaden kommen! Und dieser Schmerz bedeutet nur Öffnung und Hingabe, also ist es kein wirklicher Schmerz. Es ist eine Angleichung an die Härte dieser Welt, ohne selbst zu Stein zu werden. Man wird weicher und edler, indem man härter geworden ist. Nur wenn jeder, ohne den anderen zu verletzen, sich selbst verletzt, erlangen wir den Grad zur ultimativen Hingabe untereinander. Die radikale Öffnung ist nahezu unmöglich, hingegen den Weg zu gehen nicht. Er ist möglich. Er führt geradezu in den Palast der gemeinsamen Weisheit. Entweder gibt es Alles oder Nichts: Man darf nicht vergessen, dass beides dasselbe ist. Also ist alle Weisheit eine gemeinsame oder eben keine. Eine Weisheit verbindet uns alle. So wie Alle nach einer Weisheit trachten – je mehr Blickwinkel, desto näher sind wir uns. Je weniger Perspektiven, desto mehr entfernen wir uns voneinander.
Was uns verbindet? Die Tatsache, dass wir hier unten endlich und damit sterblich sind. Schwelgen wir in Begeisterung, egal welches Gewand sie trägt, haben wir einen gemeinsamen Nenner: die Fantasie. Wenn wir uns nur mehr über Fantasie verständigen könnten, hätten wir so manchen Unmut von der Straße gefegt. Also alle Macht der Fantasie. Auf dem Lande paper blank steht die frischgebackene Königin mit dem Zepter der Poesie in der Hand. Ihr Name lautet Fantasia.
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Tankstellen und Friedhöfe
17 12 2011Die Sense
Die gute alte Sense,
Wäre sie nicht, wären wir nicht.
Alles wäre gleich, nicht gut, nicht schlecht,
Weder gerecht noch ein Geschlecht.
Sie schneidet und stutzt,
Ganz von alleine,
Ohne zu fragen, zuviel, zuwenig, es ist unser,
Ihr ist es überlassen.
Mal sitzen wir still, sie erwischt uns nicht.
Mal rennen wir weg, sie kommt geflogen.
Wir springen ihr von der Schippe,
Nur um zu wissen, dass sie bald tiefer schnitzt.
Sie ist echt,
Wir sind Produkt.
Lass sie uns schärfen,
Mit ihr tanzen,
Mit ihr wedeln,
Mit ihr mähen.
Je stumpfer wir sie fürchten,
Desto ärger ist sie unser Feind.
Sie stutzt und schneidet,
Aber nicht den Freund!
Entkernen
Unter der Decke und nicht gefroren.
Du deckst dich einfach zu mit wärmenden Gedanken.
Das Laken war kalt,
Wir jedoch nicht!
Wir wollen und wärmen
Es sitzt tief in unseren Gedärmen
Müssen nur entkernen!
Müssen schauen in die Ferne!
Uns selbst lehren zu verlernen,
Zu streichen das Quartett,
Das Solo im Gepäck.
Der Damm im Fluss
Punkte, Stationen,
Stufen und Kapitel.
Überall Punkt und Komma.
Wir müssen atmen
Ganz im Fluss?!
Gibt es nicht.
Alles braucht Ruhe und Leben.
So sind wir nunmal,
Du und Ich.
Bei mir
Hermann mein Freund,
Du sitzt gegenüber,
Du schreibst.
Vermiss dich, du bist so fern.
Bist du es der kritzelt,
Bin ich es der krakelt?
Ach, wir schreiben so gern.
Du schreibst mich
und
Ich schreibe dich.
Wir sind vom selben Stamm,
Ganz nah am Boden und doch mit Krone,
Es ist unsere?!
Ich hoffe du teilst?
Ich hoffe du teilst!
Fünf Zacken für Zwei,
Einerlei!
Spannung
Du kannst greifen,
Wie der Schuss im stillen Wald,
Die Stille durchschallt,
Die Leere durchbricht
Von Gesicht zu Gesicht?
Kann ich mir nicht vorstellen!
Kannst du dich mir vorstellen?
Wo bleibst du?
Siehst du etwa nicht?
Ich bin darauf erpicht!
Vom Fluss verbrannt
Jack London hat ausgeschlafen.
Mehr sind nicht drin,
Fünf Stunden für die Organe,
Der Rest ist Gift.
Keine vier Dekaden
Es wäre ihm zu schade.
Zögernd braucht er sich nicht,
Erpicht, ein brennender Fluss,
Er lässt sich nicht vergeisseln,
Er ist zu Selbst, zu sehr Ich.
Beneidenswert verbrannt,
Zwar zu Tode gesoffen,
Dennoch nie verrannt!
Unterschätzt
Aschgrau steckt im Jackett,
„Wo bleibt die Farbe Matrose?“
„Sie steckt im Unterhemd,
Schon lange versteckt.
Mein Maske ist echt!
Sie zerbricht nicht,
Weder am Südpol
Noch am Nordpol.“
„Ich habe dich unterschätzt.“
Zwischen Sieden und Gefrieren,
In der Grauzone daheim.
Wir wandeln aschgrau,
Die Sonne im Rücken,
Den Tod vor dem Gesicht.
Nur nicht gerinnen
Verhalten motiviert,
Gespenstisch begeistert.
Die Spirale kippt,
Mal nach oben,
Mal nach unten.
Was ist schon Oben und Unten.
Gleich darf es jedenfalls nicht sein.
Auf halber Höhe am Zenith,
Das Blut läuft nur langsam,
Berg auf, Berg ab.
Der Siedepunkt weit entfernt.
Wie fühlt sich das nochmal an?
Zum Glück sind Spiralen rund.
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Meist frontal um 180 Grad nach innen
21 10 2011Fluchen statt wünschen
Wir wünschen uns eine Sicherheit.
Wir möchten die Butter auf dem Brot.
Bevorzugen die Wärme gegenüber dem Ausgesetztsein,
Während wir vermeintlich genießen, bestellen wir nach.
Die Unabhängigkeit ist ganz vorne mit dabei!
Kriecherei dulden wir als Mittel zum Zweck.
Können gar nicht mehr denken, ohne zu wünschen.
Wünschen und Ruhe und Ordnung, hie und da eine Schweinerei.
Geben kund: „Das möcht ich sein, dort will ich hin!“
Wünschen uns wund, ohne Rücksicht: „Ich steh im Mittelpunkt!“
Wollen dies, wollen das, Haben ist Mittelmaß!
Verkehrt herum! Ist das etwas in Ordnung?
Zum Namenstag, Geburtstag oder Neujahr,
Zu Ostern, zu Weihnachten und Midsommar.
Junge oder Mädchen? Was wünschst du dir?
In die Wiege wurde bereits die Begierde gelegt.
Verlangen: Ist es das, was uns am Leben erhält?
Der Wunsch: ein bitter-süßer Geruch,
Ist es nicht vielleicht doch unser größter Fluch?
Die Jugend
Gnadenlos gehen wir unter,
Kunterbunt spielen wir die Jugend,
Munter und gnadenlos müssen wir sie feiern.
Sie zu etwas stilisieren, das sie niemals war.
Eine Metapher der Blüte, ein Prozess der Reife.
Ständig und jetzt, immer und sofort.
Diese unsere Grauzone ist ein weites Feld.
Sie raucht Pfeife, sie spürt den Teer, sie ist ein Held.
Frei von Vielem, belastet mit Allem.
Durch Humor baut sie sich die Brücken.
Die wenigsten springen,
Die meisten tanzen und singen.
Pessimismus durch Überfülle,
Selbst auferlegtes Schweigen wird teuer bestraft,
Der Strick im Übergang
Die Schönheit im Werden
Alles flutet und überschwemmt
Der Maßstab hemmt!
Dichte (Vom Glück alleine zu sein)
Ich stell mir vor:
Er kommt herein, knüpft den Schal an den Haken.
Sie kommt vorbei, setzt sich auf den Hocker.
Es knallt. Notizblöcke auf den Tisch!
„Lieber Herr Kellner, bekomme ich einen Stift?“
Er schreibt, stutzt, grübelt und kritzelt.
Sie wütet stirbt und trinkt Bordeaux.
Aus zwei Blättern werden zehn.
Die ganze Bar ist voll, wer zur Hölle der Mäzen?
Sie sudeln, blicken auf, trinken hastig.
Artig setzen sie die Zigarette in die Fuge,
Denken weiter, schreiben auf, auf , aufs Papier.
Sie sehen mich, halten inne, wüten drastisch.
Eine Tragödie, Poesie, eine Sentenz.
Am liebsten bin ich alleine, ohne jeden Scherz
Wenn jeder soviel Gedichte, wie Alkoholika am Abend,
Oh mein Steppenwolf, was wäre das ein Kommerz!
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2750670
13 10 2011Es wird wieder einmal viel gesagt, es bleibt einem nichts erspart, obwohl bereits alles vorhanden und schon längst vage erdacht. Es wird viel gegähnt und nicht gelacht, müde schmelzende Gestalten, die sich die Mittagspause herbeifantasieren. Die Pause wirkt unendlich weit entfernt. Halte mich jedoch am seidenen Faden des Bewusstseins, so wie ich es meist tue, wenn sich mir die Abgründe auftun, wenn ich den Schlaf und seinen Bruder nunmal heute nicht zu Gast haben möchte: Ich schreibe.
Nun bin ich scheinbar angekommen, angekommen an dem Punkt, an dem der Überdruss endgültig zu obsiegen scheint. Bin es leid euer Geschwätz und euer Gewäsch zu hören. Ich sage nicht, ich wäre euch überlegen, oder besser. Eher im Gegenteil: Ihr seid in dem was ihr nunmal tut, dem Geschwätz und dem Gewäsch, deutlich besser als ich. Was ich ursprünglich sagen wollte: Es hat nunmal eben alles seine Zeit.
Ich saß gerne und hörte ebenso; langweilte mich oft, habe dennoch den Faden nie gänzlich verloren. Jetzt aber trenne ich ihn von mir ab, den faden Beigeschmack, deutlich und bewusst. Kappe die einstigen Seiler, lege ab, sitze im eigenen Boot. Fahre und schaukle bis ich wieder Sehnsucht nach dir habe, mein Hafen, mein Ufer, meine Andockstation.
Euch gibt es, ja!, doch mich eben auch. Sag Adé!, das sage ich auch. Du warst gut zu mir liebe Universität, hast mir die ein oder andere Freiheit gezeigt. Hast mich gepeitscht und erniedrigt, unterdrückt und wie eine abstrakte Zahl behandelt. Wir lernten demnach viel voneinander. Ein Abschlussgeschenk mache ich dir noch. Drei Monate gehen wir noch Hand in Hand, auch wenn ich bereits fühle, dass der Händedruck allmählich immer geringer wird; dass wir unsere Kräfte nicht mehr gegenseitig erfrischen.
Du gehst deinen jahrhundertealten Weg, ich geh bald den meinigen, den frischen, gefährlichen, allerdings lebendigen. Der Respekt bleibt bewahrt. Das Herz wird befreit. Alles in allem ein schönes Herzeleid.
Dein Kommilitone, Verehrer und Feind
2750670
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In Zeiten des Todes und des Lächelns
16 09 201116/9/11
Die Kerze brennt flackernd und wild direkt neben meinen zwei, noch unversehrten, Händen. Noch habe ich sie nicht missbraucht, geschweige denn etwas mit ihnen missbraucht. Ad hoc fällt mir jedenfalls nichts dergleichen ein. Ganz sicher hat die ein oder andere Geste jemandem missfallen, doch nicht mit purer Absicht, eher im Sinne von intuitiver Abwehrhaltung. Jetzt fällt mir doch die ein oder andere Schlägerei der Adoleszenz ein. Schändlich, verwerflich, untröstlich, allerdings war es nötig. Die Rangelei im jugendlichen Leichtsinn gehört schlicht und ergreifend zur Laufbahn eines Mannes. Ich denke Pazifisten wurden nicht geboren, sie wurden zu dem, für was sie sich schließlich ausgeben, durch die Erfahrung von körperlicher Gewalt. Ob sie sie, in ungünstigsten Fällen, an sich selbst erlebt haben, oder sie sie in Form von Beobachtung erfahren haben. Uns Menschen wohnt nunmal eine Konstante inne, namentlich die der Mimesis, sprich der Nachahmung. Lapidar dahingezüngelt: Wir stammen aus Welten voller Krieg und Blut; die Männer spielten nunmal die tragische Hauptrolle. Wer sieht als Balg seinem Vater nicht gerne zu, wie er, sei es ein Notfall, die Familie mit Fäusten verteidigt. Soviel dazu. Wie gesagt lapidar.
Ich jedoch sitze nicht mit verwundeten und hasserfüllten Pranken am Schreibtisch. Allenfalls richte ich die Kraft durch die Zeilen, die zum Vorschein kommen, aus dem vermeintlichen Nichts geboren werden, gegen mich, um mich auf eine Art zu formen. Eine innerliche selbstgewollte Justierung der Individuation – der forcierten Ich-werdung. Viel zu lange glitten die Sentenzen nicht. Kein Eiskunstlauf auf der blanken weißen Fläche. Die schwarzen Zeichen sind Gravuren auf dem Eis des reflektierenden Geistes. Wünschenswert wären Pirouetten, die solide ausgeführt und gelandet werden. Allem Anschein nach hat dieses skizzenhafte Moment eher etwas von blutigem Training. Ich spüre wie mein Kopf sich dreht, obwohl er still auf dem Rückgrat sitzt und auf, den sich füllenden, weißen Hintergrund starrt. Manchmal etwas lethargisch, gleichzeitig vollen Mutes und Entschlossenheit. Es bedeutet ihm was, die feinen Risse in die Eisdecke zu meißeln. Mal trifft er die richtige Entscheidung und die kunstvollen und interessanten Windungen werden sichtbar in den Boden gerammt. Was ich weiß, ist, dass in letzter Zeit viel zu wenig auf dem Blatt geschah. Hiermit versichere ich, #### ##########, in Zukunft mehr Eiskunstläufe zu laufen.
Happiness is only true, if shared. Fällt mir gerade so ein…
Vielleicht bringt eine neue Zigarette den sehnsüchtig erwarteten und zündenden Anfang. Versuch:
Nachdem wir in einer alten Wirtsstube ein Gläschen Wein tranken, liefen wir gemütlich die Straße gen Heimathaus hinunter. Jedem stand ein leichtes Grinsen im Gesicht geschrieben. Die peinliche Tanzmusik in dem erwähnten Wirtshaus trennte uns von einer, wie wir nunmal alle denken, etwas traurig anmutenden Abendunterhaltung für Rentner. Es war klar, keiner von uns, auch wenn die Ältesten schon die fünfzig erreicht hatten, wollte dazugehören. Eine gewisse jugendliche Arroganz belächelte dieses lästige Ambiente des Tanzlokals. Es war ein gut bürgerliches Wirtshaus mit angrenzendem Tanzlokal. Mir erschien es unmöglich dort nur auch einen kleinen Happen hinunterzubekommen. Ich möchte nunmal, bzw. noch nicht, – wer weiß das schon mit vierundzwanzig – schlechte Musik mit schwitzenden Rentnern hinter mir wissen, wenn ich meinen Toast-Hawaii genieße. Soviel zum Ambiente. Aufgrund der eben erwähnten unpässlichen Lage das Abendgericht einzunehmen, verließen wir das Lokal, um einen geeigneteren Ort aufzusuchen. Wir entschlossen uns schließlich für ein gemütliches Häuschen mit ehrbarem Namen im unteren Teil des Dorfes.
Als wir die Straße hinunterliefen, voller Hunger und lustiger Verachtung im Bauch, erzählte mir meine Tante eine kleine Anekdote über ein frühes Erlebnis ihrer Jugend, in eben jenem Tanzlokal. Mir fiel nichts besseres ein, als herzlich darüber zu lachen, da ich die genauen Umstände und die Räumlichkeiten noch dicht vor Augen hatte. Herzhaftes Lachen überkam mich. Als die Lage wieder etwas ernsthafter und nicht gar so verspielt jugendlich wurde, sagte mir meine Tante plötzlich folgende Worte in die Augen: „Du lachst ab und an wie dein Vater Günter.“ Mir blieb die Zunge im Hals stecken, aus dem einfachen Grund, weil solch ein Vergleich zwischen mir und meinem Vater noch nie ansatzweise zur Geltung kam.
Ich runzelte die Stirn: dieser Vergleich zwischen mir und meinem Vater war wohl genetischer Natur. Durchaus schöne Worte, ein stolzer Hinweis meiner Tante, sage ich nun im Nachhinein. Alle möglichen Vergleiche waren mir bis zu diesem Zeitpunkt schon untergekommen. Das ähnliche Gebiss; derselbe Gang in mancher Lebenslage; die gleiche Zitterei; die Schweißperlen auf der Nase oder die affine Handschrift, alles scheinbar vererbte äußerliche Gegebenheiten meiner Natur. Natürlich, um das letzte Wort nochmals aufzugreifen, setzt sich jeder irgendwann einmal mit seinen Ahnen auseinander, und fragt sich, welche generationsspezifischen Parallelen auffallend sind. „Wieso bin ich eigentlich so?“
Da liegt es nahe den Blick auf die Erzeuger, bzw. die Familie, zu werfen. Vieles erklärt sich selbstverständlich auch von der Erziehung her. Manche Dinge sind gleichwohl, für den einen mehr, für den anderen weniger, augenscheinlich. Man versucht sich irgendwann abzusetzen, um sein, vielleicht ins sich schlummerndes, persönliches Ich besser herauskristallisieren zu können. In dieser Phase, die meist ein Leben lang dauert, möchte man nichts von Vergleichen hören, es sei denn, es handelt sich um einzigartige, und in Form eines Kompliments gewickelte, Ähnlichkeiten, oder gar unbewusste Nachahmungen die Stärke bedeuten. Jetzt könnte man sagen, dass eben seniorenhaftes und juniorenhaftes Lächeln – Lachen wäre zu viel des Guten – doch eine wundervolle Ähnlichkeit darstellen. Warum nur runzelte sich meine Stirn und aus welchem Grund wurde ich so nachdenklich, immerhin schreibe ich diesen nicht ganz unbedeutenden Gedankenexkurs nicht mir-nichts-dir-nichts nieder. Warum musste dieser Vergleich aus dem Unterbewussten meiner Tante gerade zu der Zeit aus ihr herausspringen, als mein Vater bereits den dritten Herzinfarkt hinter sich hatte. Ja, so muss es wohl sein:
Wir sind uns, nach knapp zehn Jahren, schroff formuliert: halb und voller Gleichgültigkeit, auf eine Art und Weise wieder nähergekommen, die beide von uns tief in sich spüren. Er lächelte einst, als ich ihn im Krankenhaus besuchte, über den Tod. Ich lächelte, da er sich plötzlich merklich wandelte. Er veränderte sich nicht auf zynische Art und Weise. Ich hatte das Gefühl, eine weisere Natur konnte nun endlich zum Vorschein kommen, sich mir zeigen. Nicht das er mich zu Besuchs- oder zu früheren Zeiten im Hospital, sensibler behandelte. Allerdings hatte ich jedes mal das Gefühl, er konnte sich endlich, in Zeiten des Todes, von seiner bisher so schändlich getragenen Maske entledigen. So war es, und im Nachhinein wird einem alles klarer: Es war der Weg des Lächelns den er jetzt ging. Wie ich bereits erwähnte gab es im vergangenen Jahrzehnt nicht viel zu lachen zwischen ihm und mir, geschweige denn zwischen ihm und meiner Mutter, oder meiner Schwester, sprich der gesamten Familie. In diesen Zeiten jedoch, in den es körperlich fast ein Ende mit ihm nahm, sah ich ihn meist lächelnd.
Scheinbar hat er wirklich keine Angst vor dem Tod. Nachdem wir soweit gekommen sind überfällt mich dieser Ausspruch meiner Tante immer süßer. Der gesagte tief eingedrungene Ausspruch von ihr hat nun den Charakter des Stolzes angenommen – die eingeschriebene Würde eines Mannes, dem ich wirklich gerne ähnlich sein möchte. Der Vergleich erzeugt die Tragkraft einer Welt kriegerischer Natur, die doch den Weg des Lächelns gehen muss. Muss! Soviel zur anthropologischen Konstante.
Es war bereits das dritte Mal
Glaubst du an ein viertes Mal?
„Alle guten Dinge sind drei!“
Gevatter Tod, du schaust demselben in die Augen, du weißt es!
„Bereue nichts, verlasse kein Chaos.“
„Es geht nicht mehr lang und du verlierst!“
„Meine Pflanzen gedeihen prächtig.“
Ist es so, dass die Liebe schweigt und dennoch gut gedeiht?
„Ja, sie bleibt, ihr bleibt, ich gehe.“
„Du hast nichts bereut?“
„Nein, all meine Ziele erreicht.“
„Verzeih!“
„Reduzieren am Leben?
Verlieren? Nein! Lieber leben lassen!
Ihr seid dort, wohin ich euch wünschte.“
„So schmeckt das Essen nicht,
so lebt sich das Leben schlecht.“
Der ewige Schlaf versenkt.
„Hast du etwa nichts verdrängt?“
„Ich hab DIR das Leben geschenkt,
hab meines gekostet und erhängt,
es hat viel gekostet, doch
ist nunmal nichts im Leben geschenkt.“
Als Materialist geboren
hinterlässt du ideelle Sporen,
die Spuren nach deinem Leben.
Meines beginnt!
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In mediterraner Stimmung zuhause
19 08 2011Keine Reue
Dutzend, abermals dutzend Zeiten sind passé.
Die Hälfte winselt, die andere schweigt,
Gelebt ist verlebt, Ich halte mich daran.
Erlebt ist das was zählt!
Nichts möchte ich missen,
Nichts dazudichten.
Auch wenn es mir nicht immer leicht fällt!
Mit strammen Schultern vor den Pforten,
Ich weiß es, ihr wartet nicht,
doch habt ihr es je getan?
Accessoires
Schaut den Schmuck an;
Euch muss so furchtbar langweilig sein!
Mit diesem Zeug wollt ihr euch veredeln?
Ihr merkt nicht, dass ihr euch kastriert und kaschiert.
Kassieren und gewinnen,
So ein Trugbild.
Es ist nicht alles gut, was glänzt.
Wie jetzt?
Sag’ mir ganz ehrlich!
Hast du die Kontrolle verlorn’?
Deine Dorn’ sind lange her,
Den Teufelspakt geschworn’ und verlorn’?
Wie nah ich dir bin und doch so fern,
Schau nach links und wollte sterben,
Schau nach rechts und wollte für ewig leben.
Ich liebe fast alle und verachte so viel,
Es gehört wohl zum Spiel!
Immerdar, so oder so Vermissen im Vergessen.
Leicht und grau
Vom Sand umspült
Reingewaschen und durchwühlt
Geschüttelt und versetzt
Dem Boden entrissen, auf Reise geschickt.
Fortgetrieben und hingesetzt
Schlage Wurzeln, bin vernetzt
Illusion, du reisst mich weg
Hart wie ein Stein ergänze ich dich.
Hart wie ein Stein, mir bleibt keine Wahl
Deine Flut erfrischt und ersetzt
Von Ort zu Ort lasse ich mich treiben
Hart wie Stein,
Frisch gewaschene Fassade.
Sie
Höhen und Tiefen sind schmerzlich
Abtragen und füllen ist ehrlich
Sie sitzen da und dort
Kunst bleibt aus, es ist alles so verständlich.
Inhalt leeren und Leere befüllen
Bei so etwas waren sie immer schwach
Sie freuen sich, wenn die Straße geradeaus führt
Freude ist jedoch mit Tiefe verbunden!
Vor dem Ideal Inhalte zu verwerten scheuen sie sich
Sie würden gerne dazugehören und so tun als ob
Das poetische Lebensgesetz ist ihnen fremd,
Sie verwerten falsch und trennen nicht.
Sie kauen bloß und essen nicht,
Sie schauen bloß und fassen nicht,
Wollen greifen und begreifen nicht,
Höhe und Tiefe, das ist die einzige Pflicht!
Schöne Paare
Wo zur Hölle treffen sich die schönen Pärchen?
Sie trauen sich nicht vor die Tür
Sehen und gesehen werden
Davor haben sie vielleicht Angst?
Ich sehe nur dick und hässlich
Sie tragen schwer
Wo steckt Helena und Hektor?
Sie haben eine wuchtige Last zu tragen.
Anstatt mich zu beglücken, mich zu entzücken
Haben sie Angst mich zu ruinieren, mich zu malträtieren.
Ich danke euch, bleibt zu Haus.
Der Schrecken bleibt aus
Die Erinnerung braucht sich nicht zu verkriechen
Sie bleibt unvergleichbar,
Dankbar, Dankbar bin ich, und der Reiz bleibt aus!
Eher
Als Barfliege möchte ich mich nicht bezeichnen,
Eher als einen Schmetterling
Eher buntes Farbenspiel
Eher Güte und Zuversicht
Eher Palme statt Tanne
Eher robust als Ruine
Eher Sammlung als Auflösung
Eher blau als weiß
Eher Schiff als Gestrandeter
Eher Schilf als Morast
Eher Ufer als Sumpf
Eher Ich anstatt Wer!
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Der geschenkte Tag. Carpe Diem.
2 08 2011Nach zahlreichen Getränken räuschenden Charakters, durchzechten Nächten und viel lärmender, jedoch interessanter Gesellschaft kam Elias an einen Punkt des Zweifelns. Er war an jenem Samstag wieder herzlich eingeladen mit guten Freunden und Bekannten an ein Fest am See zu gehen, das verheißungsvolles Ambiente versprach. Letztlich, sagte er tief in sich hinein, – dies war nur eine rituelle Bestätigung des Egos – dass der Abend im Grunde, vielleicht mit ein paar wenigen Abweichung, genau so verläuft wie die letzten durchgefeierten und durchtränkten Tage. Dieses primitive Treibenlassen der letzten Tage genoss er ohne Zweifel, doch sehnte er sich, an dem angelangten Punkt, in eben jenem Moment, nach Tiefe, Ruhe und Kontemplation. Der Fakt, wie sehr die Erlebnisse der letzten reizüberflutenden Tage und Nächte in seinem Bewusstsein immer mehr Form annahmen, zwang ihn geradezu die Momente Revue passieren zu lassen und sie schließlich tief in sich einzusortieren.
So in etwa halb zehn Uhr erreichte er mit seinem Transporter die leere Wohnung. Jeder war ausgeflogen, durchaus verständlich, da nunmal Samstag Abend war und dazu noch mediterranes Klima, das perfekten Anlass bot, die ankommende Nacht zu nutzen um diesen herrlichen Tag ausgiebig zu preisen.
Als er in den dunklen Flur eintrat und ihn die Stille förmlich ansprang fühlte er sich leicht verlassen und verwirrt, doch spürte er auch die Empfindung des Angekommen-seins in doppeltem Sinne. Er schmiss den Rucksack mit diversen, aus der Heimat geschenkten Fressalien auf die Couch, schlüpfte aus den heißen und leicht müffelnden Schuhen und übergab sich schließlich der Ruhe im Schaukelstuhl. Leichte Zweifel seines intuitiv schon vollbrachten Unternehmens befielen ihn schon. Die ganze Stadt war am feiern, dutzende Partys, Gesellschaften und Events griffen mit ihren verlockenden Armen nach unentschlossenen Herumstreunern. Das gegen elf Uhr verrichtete Feuerwerk überdeckte die ganze Stadt mit einem lebensbejahenden bunten Teppich, im Hintergrund – so berichtete es ein Freund von Elias in den darauffolgenden Tagen – ergänzte das Sternenlicht das Kunstwerk am Himmel vollends. Lange Rede kurzer Sinn: Eigentlich war es ein Ding der Unmöglichkeit an diesem Abend in der Wohnung zu bleiben und die selbstgewählte Isolation auszuleben. Wie er intuitiv die Entscheidung bereits getätigt hatte, gab er sich nun auch auf rationaler Seite einen Ruck; anders gesagt, jetzt war er mit sich im Reinen. Er konnte guten Gewissens zuhause bleiben, er musste nicht einmal ein Treffen absagen, jemanden im Stich lassen oder irgendwelche Lügen erfinden. Bisher wurde er noch nicht angerufen, und die Leute die ihn für gewöhnlich am Samstag Abend nicht aus dem Gruppenbild wegdenken konnten, dachten er sei noch in der Heimat, fern der Stadt. Er begriff, das Mobiltelefon als letzte Verbindung in die Außenwelt zu kappen. Daraufhin schloss er die Fenster, um nicht irgendwelche Lobgesänge auf den Wein oder das Leben zu hören, sich dadurch in seiner Entscheidung verunsichern zu lassen, ganz einfach in seiner Ruhe gestört zu werden. Manche assoziieren diese Abkapselung als die Einweisung in die Abgeschiedenheit einer Gefängnisinsel, für ihn jedoch war es keinesfalls so, der Abend hatte mehr den Charakter einer paradiesischen Ferieninsel. Es war genug zu Essen im Kühlschrank, die lärmenden Mitbewohner würden wohl nicht vor Sonnenaufgang in die Wohnung torkeln, und zu all dem liefen irgendwelche Überlebens-Sendungen in der Röhre. Nach einem, seiner Meinung nach gelungenen, Abend- bzw. Nachtmahl vor der Glotze schaltete er den Ton des Geräts ab, um sich in ein neu erworbenes Buch zu stürzen. Allerdings merkte er gleich, dass der Tag zu lange war, um jetzt noch konzentriert zu lesen. Ehrlich gesagt, Langeweile der Lektüre tat das Übrige, den Schmöker aus der Hand zu legen und sich mit wiedereingeschaltetem Ton ganz der Verblödung, dennoch wohltuender Berieselung der internationalen Fernsehwelt hinzugeben. Ein Vampir-Film Marke Hollywood, Stempel Blockbuster, zog ihn ein wenig in den Bann. Obwohl er den Film schon kannte sah er sich den Film, der um ein Uhr in der Nacht enden sollte, bis kurz vor dem Schluss an, um dann vor dem Happy-End mit dem Gefühl der geistlichen Überlegenheit den Fernseher auszuschalten. Er schlurfte halbnackt in sein benachbartes Schlafzimmer und gönnte sich noch eine letzte Zigarette vor dem Einschlafen. Das Zähneputzen unterließ er in einem letzten Anflug von Rebellion. Er ließ die Jalousien hinunter und löschte das Licht. Nach ein paar verworrenen Gedanken im Bett schlief er letztlich ein wenig unruhig ein.
„Das darf doch nicht wahr sein, das kann doch nicht wahr sein“, geisterte es blitzartig in seinen noch schlaftrunkenen Schädel herum – das er damit recht hatte war ihm so fern wie das Liebesgeständnis seiner Ex-Freundin.
„Nun ja, vielleicht musste der Körper das Schlafdefizit der letzten durchzechten Nächte aufholen“, dämmerte es in ihm. Er schüttelte den Kopf im Kissen hin und her, ein Gefühl der Selbstenttäuschung, und das schlechte Gewissen, den freien Sonntag auf das Übelste verschwendet zu haben, ließen ihn noch ein paar Minuten voller Beklemmung im Bett liegen. Die große analoge Uhr an der Wand log nunmal nicht, es war 18 Uhr, Sonntag Abend, das stand nunmal fest. Elias fragte sich, wie er es wohl schaffen würde am Montag früh ausgeschlafen im Antiquariat zu erscheinen, es war ein Ding der Unmöglichkeit, da er wusste, er würde bis mindestens fünf Uhr morgens nicht wieder einschlafen können. Es sei den mit Baldrian, Wein oder Marihuana, vielleicht auch ein träumerischer Cocktail der erwähnten Mittelchen, aber es war Sonntag, die Läden geschlossen und nichts dergleichen befand sich in der Wohnung. Dies war eigentlich nur ein dämlich Gedankenblitz, den er sofort wieder verwarf. Er war fit, keine Frage, schlecht fühlte er sich trotzdem.
Nachdem er mit beiden Beinen auf dem Boden stand, um sich anschließend durch das völlig abgedunkelte Zimmer zu tasten, um die Jalousien hochzuziehen und das Fenster zum Lüften zu öffnen, begab er sich intuitiv auf den Weg zur Kaffeemaschine. Ein Imperativ klang plötzlich in ihm auf: „Sicher werde ich jetzt, da es schon wieder Abend ist, keinen Kaffee mehr trinken, ich werde nie wieder einschlafen können.“ Immerhin müssten es, seinen Berechnungen zufolge knappe 16 Stunden Schlaf gewesen sein. Er blickte durch das Fenster in den verlassenen Innenhof, es war dämmrig, keine Frage.
„Duschen brauche ich jetzt auch nicht mehr, es wäre die reinste Wasserverschwendung.“
Das kalte Wasser des Waschbeckens stieß ihn ein wenig mehr in die Realität, es tat ihm gut. Ihm wurde klar, dass er schon fast anderthalb Tage die Zähne nicht mehr geputzt hatte. Sein Gebiss tat ihm leicht weh, der fade Geschmack im Mund forcierte den Griff zur Bürste. Ein kleines bisschen besser fühlte er sich jetzt, dass konnte er nicht leugnen, alsbald wurde die kleine Heiterkeit wieder überschattet vom Gedanken an den verschwendeten Tag.
Auf dem Weg in sein Zimmer, das gerade im Begriff war, sich selbst zu entlüften, fragte er sich, wo den die anderen Mitbewohner wohl sind. „Nun denn“, seufzte er, „sie haben recht, den schönen warmen Sonntag Abend draußen zu verbringen. Selbst schuld, ich habe mir meinen Tag geklaut. Jetzt musst du dafür büßen.“ Damit er sich nicht ganz unnütz vorkam, startete er sein Notebook, um die Sitzungsprotokolle der letzten Vorlesungen zu layouten. Immerhin eine Aufgabe, die in ein paar Stunden zu bewerkstelligen war. Diese Aufgabe, dachte er sich, würde dem bisher sauren Geschmack des Tage etwas Abhilfe schaffen.
Es war wunderbar ruhig. „Gott sei Dank, ist die verfluchte lärmende Baustelle am Sonntag außer Betrieb.“ Eine Vorstellung kam ihm auf: Die dicken Bauarbeiter saßen nun in ihren kleinen Häuschen am Stadtrand und gossen sich literweise Bier in die Schlünde, schauten Fussball oder sonst irgendeine hirnrissige Massenveranstaltung und ruhten ihre müden Knochen aus. „Gut so, jedem das seine, endlich Ruhe vor dem Fenster“, sagte er mit bewegten Lippen flüsternd und leicht wütend vor sich hin.
Ein wenig zu ruhig war es dem vom Lärm der Baustelle gebeutelten Elias nun doch. Er entschied sich klassische Musik zu hören. Er schaltete das Radio ein – wenn er klassische Musik hörte, konnte er trotzdem arbeiten, wohingegen bei gewöhnlichen Sendern die Konzentration von Minute zu Minute rapide sank. Klänge von Mendelssohn-Bartholdy halfen ihn zum ersten Mal an dem verschwendeten Tag die innere Stimmung anzuheben. Er öffnete das Dokument, das er zu bearbeiten gedachte, checkte seine E-Mails und wurde immer wacher.
Plötzlich wurde er hellhörig, drehte den Kopf leicht in Richtung Musikboxen, es war 18 Uhr 30, die Nachrichten begannen. „Was habe ich da gerade gehört“, fragte er sich zweifelnd.
„Guten Morgen liebe Zuhörer und Zuhörerinnen von SWR 2, es ist 6 Uhr 30. Hier spricht Carsten Spengemann.“
„Was?“
„Das kann nicht sein!“
Elias drehte sich um hundertachtzig Grad auf seinem Schreibtischstuhl, stand auf und ging zum digitalen Wecker auf seinem Nachttisch. „Laut Wecker haben wir 6 Uhr 30, doch könnte die Zeit auch auf amerikanischen Modus eingestellt sein.“ Jetzt wollte er es wissen und wieder zurück an sein Notebook um die genaue Uhrzeit, das Datum und die Temperatur zu erfahren. „Die letzte Instanz“, dachte er sich, „der man noch glauben schenken darf.“
Ihm wurde schlagartig bewusst, dass er sich enorm selbst getäuscht hatte. „Zwölf Stunden, Zwölf Stunden, Zwölf Stunden.“ So ging es ihm jetzt blitzartig durch den wachen Schädel. Er hatte sich noch nie so in der Zeit geirrt. Noch nie wohnte das Glück näher am Unglück. Man hatte ihm sagenhafte zwölf Stunden seines Lebens wiedergegeben. Ihn überkam ein regelrechtes Glücksgefühl und er begann äußerlich schmunzelnd tief in sich hinein zu lachen. Die Zukunft ist am attraktivsten, sie glänzt, wenn man die Vergangenheit hinter sich lassen kann. Der frische Geruch von Kaffee, den er sich gleich aufsetzen würde, gab ihm den Rest, die Gegenwart zu verherrlichen – ja sogar zu preisen. Nach einem langen, abwechslungsreichen und intensiven Sonntag fiel er voller Vitalität paradox todmüde in sein Bett, dankte Gott und freute sich auf den nächsten Tag. Carpe Diem. Carpe Diem. Carpe Diem.
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Unterwegs im Zwischenland
2 07 2011Süßes Kopfüber
Kopfüber seh ich die Welt
Umgekehrt ist sie so schal
Bin verloren im tiefen Ozean
Glaub nicht daran, glaub nicht daran!
Die Dinge sind falsch und zugleich so richtig
Wir haben die Wahl, endlose Qual
Ob ich richtig liege ist die Frage
Ich nehme es an!
Ein viertel Vernunft, der Rest ist Sahne;
Süßigkeiten, die die Welt vereinen
Lass es dir schmecken
Kopfüber schmecken sie besser!
Rot
Rot im Rauch, du bist gut zu erkennen
Schaust gut aus, verrenn dich nicht!
Halt dich frisch, oh, du weißt es ja!
Warum genierst du dich, warum für dich Sorge tragen?
Hätte mir ein Lächeln gewünscht
Bin ein Findelkind, so wie du!
Mach mich schick, so wie du!
Offensichtlich hast du deinen Taktstock verloren.
Komplimente sind wie Salzstreuer
Ich glaubte, du wärst ungesalzen
Wollte dir Gutes tun
Hab’s vertan, du warst nicht bereit.
Genier dich nicht,
Der Lippenstift tut MIR gut.
40
Du sitzt dort neben an, Ich in vierzig Jahren
Du gefällst mir auf den ersten Blick
So traurig und schön
So verzweifelt und gut
Jetzt weiß ich ein wenig mehr darüber
Aus welchem Grund ich mich hasse!
Heureka
Immersatt und niemals erfüllt
Mal so mal so, was ich mir nicht alles wünsche!
Alles und sofort, welch Illusion
Lass mir Zeit, ihr könnt mich mal!
Von euch zu gehen bedeutet Freiheit und Schmerz
Welcher Verlust, ihr habt ihn mir auferlegt
Welche Bürde, ich mach mich frei!
Endgültig muss ich zu mir stehen!
Aus und vorbei mit der Tradition
Enttäuschung ist eure Lüge
Ich enttäusche mich selbst, wenn ich eurer Lüge folge!
Heureka!
Falsches Lachen
Freu mich, wenn du lachst, keine Frage
Dahinter verbirgt sich eine unsterbliche Macht
Dein Lachen ist trotzdem hässlich, weil es in mir kracht
Ich verachte dich und hab eigentlich keinen Grund.
Der Schlund ist tief, deine Seele verkorkst
Du kannst nichts dafür
Ach, lach mir was vor!
Visionen
Vergiss nicht die Möglichkeit
Ohne sie wirst du sterben
Kümmerlich von Tag zu Tag
Sie besteht, glaube daran!
Koste die Träume und genieße fortan
Spontane Flausen sind Märchen
Es geht nicht zu Ende
So lange du es nicht wirklich willst!
Haar
Voller Neid bin ich
Du streichelst ihr Haar
Was würde ich geben für Beinah
Du lässt sie im Stich, es bleibt mehr übrig für mich!
Lass sie einfach gehen
Meine Arme sind bereits gespreizt
Ich vergöttere ihr Haar
Und Du hast es nicht einmal bemerkt!
Du hast sie nicht verdient,
Das weiß ich
Fehler kommen vor, ganz klar
Nicht in Ihrem Haar!
Der Lebenswind
Stolz tanze ich im Wind
Der Nacken ist zum Küssen da.
Die verbleibende Zeit eilt geschwind,
Ja, hier und dort, ich trage mich selbst.
Wofür die Segel setzen, erfreu mich am Leben
Schwebend, doch mit beiden Beinen auf dem Boden
Im Geringschätzen steckt der Teufel
Im Selbstverständlichen der Tod.
Allenfalls führe ich mich fort
Alles vergessen, doch nicht mich Selbst.
Die wertvolle Kost ist in dir, an dir, um dich!
Irgend jemand muss ja dafür Sorge tragen!
Der Wind.
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Der Fluch der Semester
29 06 2011Es war so heiß, wie in der Karibik und wir verwandelten uns im Seminar.
Ich schaue aus dem Fenster. Während sich der warme Regen sanft auf den glühenden Boden wirft, etwas verdampft und dennoch die ersehnte Kühlung birgt, suche Ich nach einem Fixpunkt für meine, von kaltem Leuchtstoffröhren angestrahlten, Augen.
Wie in einem wankenden Schiff, das in den nächsten Augenblicken untergehen wird, – ein Leck, aus dem die Energie fließt, bzw. die Außenwelt eindringt, ist Schuld daran – sitze Ich auf einem tropischen Gewässer voller Langeweile. Der Kapitän schlug den falschen Kurs ein; die Matrosen, unter denen auch Ich mich befinde, verfluchen ihre Wahl, auf diesem Schiff angeheuert zu haben. Es gibt nicht einmal mehr den geringsten Funken Hoffnung. Die fette Beute, oder zumindest irgend etwas Vergleichbares, das es zu Verinnerlichen gilt, ist völlig und außerordentlich außerhalb der Sichtweite. Nicht einmal der Engagierteste, nämlich der Ausgucker, sieht mit dem geschärften Blick eines Profis auch nur die geringsten Konturen, sprich einen Sinn weiter zu machen und daraufhin die Segel zu setzen.
Ausgedörrt und ohne Kraft sind wir nun der absoluten Zeit ausgesetzt. Weder der Kapitän noch die ebenfalls ohnmächtigen Offiziere schaffen es, ihre Mannschaft auch nur im Geringsten zu motivieren. Ein sinnloses Unterfangen für eine Hirngespinst die letzten Kräfte zu mobilisieren! Es gibt keine Meuterei oder derlei Art Revolutionen; dafür fehlt der Wind zu sehr; es gibt einfach keine Richtungen, in die er uns befördern könnte.
Wir haben uns nunmal entschieden und müssen dafür geradestehen. Die Versprechen wurden stets nach den ersten Meilen gebrochen, doch gab es schließlich zu jener anfänglichen Zeit noch Hoffnungen auf Besserung der allgemeinen Lage.
Von Moral kann nicht die Rede sein, weder im guten noch im schlechten Sinn. Klar können wir froh sein, dass es bisher noch keinen Mord- und Totschlag gab – wer weiss, vielleicht stürzt sich doch noch jemand in den Freitod.
Eine Besatzung von ungefähr 45 Mann sitzt lethargisch gleichsam apathisch, mit Gedanken im Paradies – jeder in seinem eigenen Wunschgarten – auf Deck und sucht im kurzen Aufblitzen des Bewusstseins schnellstens wieder einen Fixpunkt, den es zu lokalisieren gilt; der ihn wieder errettet, da diese momentane Situation gänzlich unerträglich ist, für das wache, in der Realität lebendige, Bewusstsein der Meute.
Doch sehen wir es mal so: Man sitzt in einem wankenden Schiff voller Fantasie und wahrhaftigster Poesie. Danke an dieser Stelle oh! Kapitän. Die Gehirne mitsamt ihrer vermeintlichen Ratio schmelzen durch die Rillen des Oberdecks und fließen letztlich durch das Leck des untergehenden Boots hindurch, in das befreiende Gewässer, sie werden zu äußerst beweglichen Delfinen der Imagination. Voller Lebenslust verlassen wir das Seminar, das Schiff namens Semester, und lassen den Kapitän mit hängenden Flaggen untergehen.
Nächste Woche werden aus wendigen Poesiefischen wieder geblendete hirnlose Matrosen, die demselben Kapitän und den grünen Versprechungen der gesamten Marine abermals ins Netz gehen. Man nennt diese kleine und ewig anmutende Wiederkehr des Masochismus: Der Fluch der Semester.
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