Der geschenkte Tag. Carpe Diem.

2 08 2011

Nach zahlreichen Getränken räuschenden Charakters, durchzechten Nächten und viel lärmender, jedoch interessanter Gesellschaft kam Elias an einen Punkt des Zweifelns. Er war an jenem Samstag wieder herzlich eingeladen mit guten Freunden und Bekannten an ein Fest am See zu gehen, das verheißungsvolles Ambiente versprach. Letztlich, sagte er tief in sich hinein, – dies war nur eine rituelle Bestätigung des Egos – dass der Abend im Grunde, vielleicht mit ein paar wenigen Abweichung, genau so verläuft wie die letzten durchgefeierten und durchtränkten Tage. Dieses primitive Treibenlassen der letzten Tage genoss er ohne Zweifel, doch sehnte er sich, an dem angelangten Punkt, in eben jenem Moment, nach Tiefe, Ruhe und Kontemplation. Der Fakt, wie sehr die Erlebnisse der letzten reizüberflutenden Tage und Nächte in seinem Bewusstsein immer mehr Form annahmen, zwang ihn geradezu die Momente Revue passieren zu lassen und sie schließlich tief in sich einzusortieren.

So in etwa halb zehn Uhr erreichte er mit seinem Transporter die leere Wohnung. Jeder war ausgeflogen, durchaus verständlich, da nunmal Samstag Abend war und dazu noch mediterranes Klima, das perfekten Anlass bot, die ankommende Nacht zu nutzen um diesen herrlichen Tag ausgiebig zu preisen.

Als er in den dunklen Flur eintrat und ihn die Stille förmlich ansprang fühlte er sich leicht verlassen und verwirrt, doch spürte er auch die Empfindung des Angekommen-seins in doppeltem Sinne. Er schmiss den Rucksack mit diversen, aus der Heimat geschenkten Fressalien auf die Couch, schlüpfte aus den heißen und leicht müffelnden Schuhen und übergab sich schließlich der Ruhe im Schaukelstuhl. Leichte Zweifel seines intuitiv schon vollbrachten Unternehmens befielen ihn schon. Die ganze Stadt war am feiern, dutzende Partys, Gesellschaften und Events griffen mit ihren verlockenden Armen nach unentschlossenen Herumstreunern. Das gegen elf Uhr verrichtete Feuerwerk überdeckte die ganze Stadt mit einem lebensbejahenden bunten Teppich, im Hintergrund – so berichtete es ein Freund von Elias in den darauffolgenden Tagen – ergänzte das Sternenlicht das Kunstwerk am Himmel vollends. Lange Rede kurzer Sinn: Eigentlich war es ein Ding der Unmöglichkeit an diesem Abend in der Wohnung zu bleiben und die selbstgewählte Isolation auszuleben. Wie er intuitiv die Entscheidung bereits getätigt hatte, gab er sich nun auch auf rationaler Seite einen Ruck; anders gesagt, jetzt war er mit sich im Reinen. Er konnte guten Gewissens zuhause bleiben, er musste nicht einmal ein Treffen absagen, jemanden im Stich lassen oder irgendwelche Lügen erfinden. Bisher wurde er noch nicht angerufen, und die Leute die ihn für gewöhnlich am Samstag Abend nicht aus dem Gruppenbild wegdenken konnten, dachten er sei noch in der Heimat, fern der Stadt. Er begriff, das Mobiltelefon als letzte Verbindung in die Außenwelt zu kappen. Daraufhin schloss er die Fenster, um nicht irgendwelche Lobgesänge auf den Wein oder das Leben zu hören, sich dadurch in seiner Entscheidung verunsichern zu lassen, ganz einfach in seiner Ruhe gestört zu werden. Manche assoziieren diese Abkapselung als die Einweisung in die Abgeschiedenheit einer Gefängnisinsel, für ihn jedoch war es keinesfalls so, der Abend hatte mehr den Charakter einer paradiesischen Ferieninsel. Es war genug zu Essen im Kühlschrank, die lärmenden Mitbewohner würden wohl nicht vor Sonnenaufgang in die Wohnung torkeln, und zu all dem liefen irgendwelche Überlebens-Sendungen in der Röhre. Nach einem, seiner Meinung nach gelungenen, Abend- bzw. Nachtmahl vor der Glotze schaltete er den Ton des Geräts ab, um sich in ein neu erworbenes Buch zu stürzen. Allerdings merkte er gleich, dass der Tag zu lange war, um jetzt noch konzentriert zu lesen. Ehrlich gesagt, Langeweile der Lektüre tat das Übrige, den Schmöker aus der Hand zu legen und sich mit wiedereingeschaltetem Ton ganz der Verblödung, dennoch wohltuender Berieselung der internationalen Fernsehwelt hinzugeben. Ein Vampir-Film Marke Hollywood, Stempel Blockbuster, zog ihn ein wenig in den Bann. Obwohl er den Film schon kannte sah er sich den Film, der um ein Uhr in der Nacht enden sollte, bis kurz vor dem Schluss an, um dann vor dem Happy-End mit dem Gefühl der geistlichen Überlegenheit den Fernseher auszuschalten. Er schlurfte halbnackt in sein benachbartes Schlafzimmer und gönnte sich noch eine letzte Zigarette vor dem Einschlafen. Das Zähneputzen unterließ er in einem letzten Anflug von Rebellion. Er ließ die Jalousien hinunter und löschte das Licht. Nach ein paar verworrenen Gedanken im Bett schlief er letztlich ein wenig unruhig ein.

„Das darf doch nicht wahr sein, das kann doch nicht wahr sein“, geisterte es blitzartig in seinen noch schlaftrunkenen Schädel herum – das er damit recht hatte war ihm so fern wie das Liebesgeständnis seiner Ex-Freundin.

„Nun ja, vielleicht musste der Körper das Schlafdefizit der letzten durchzechten Nächte aufholen“, dämmerte es in ihm. Er schüttelte den Kopf im Kissen hin und her, ein Gefühl der Selbstenttäuschung, und das schlechte Gewissen, den freien Sonntag auf das Übelste verschwendet zu haben, ließen ihn noch ein paar Minuten voller Beklemmung im Bett liegen. Die große analoge Uhr an der Wand log nunmal nicht, es war 18 Uhr, Sonntag Abend, das stand nunmal fest. Elias fragte sich, wie er es wohl schaffen würde am Montag früh ausgeschlafen im Antiquariat zu erscheinen, es war ein Ding der Unmöglichkeit, da er wusste, er würde bis mindestens fünf Uhr morgens nicht wieder einschlafen können. Es sei den mit Baldrian, Wein oder Marihuana, vielleicht auch ein träumerischer Cocktail der erwähnten Mittelchen, aber es war Sonntag, die Läden geschlossen und nichts dergleichen befand sich in der Wohnung. Dies war eigentlich nur ein dämlich Gedankenblitz, den er sofort wieder verwarf. Er war fit, keine Frage, schlecht fühlte er sich trotzdem.

Nachdem er mit beiden Beinen auf dem Boden stand, um sich anschließend durch das völlig abgedunkelte Zimmer zu tasten, um die Jalousien hochzuziehen und das Fenster zum Lüften zu öffnen, begab er sich intuitiv auf den Weg zur Kaffeemaschine. Ein Imperativ klang plötzlich in ihm auf: „Sicher werde ich jetzt, da es schon wieder Abend ist, keinen Kaffee mehr trinken, ich werde nie wieder einschlafen können.“ Immerhin müssten es, seinen Berechnungen zufolge knappe 16 Stunden Schlaf gewesen sein. Er blickte durch das Fenster in den verlassenen Innenhof, es war dämmrig, keine Frage.

„Duschen brauche ich jetzt auch nicht mehr, es wäre die reinste Wasserverschwendung.“

Das kalte Wasser des Waschbeckens stieß ihn ein wenig mehr in die Realität, es tat ihm gut. Ihm wurde klar, dass er schon fast anderthalb Tage die Zähne nicht mehr geputzt hatte. Sein Gebiss tat ihm leicht weh, der fade Geschmack im Mund forcierte den Griff zur Bürste. Ein kleines bisschen besser fühlte er sich jetzt, dass konnte er nicht leugnen, alsbald wurde die kleine Heiterkeit wieder überschattet vom Gedanken an den verschwendeten Tag.

Auf dem Weg in sein Zimmer, das gerade im Begriff war, sich selbst zu entlüften, fragte er sich, wo den die anderen Mitbewohner wohl sind. „Nun denn“, seufzte er, „sie haben recht, den schönen warmen Sonntag Abend draußen zu verbringen. Selbst schuld, ich habe mir meinen Tag geklaut. Jetzt musst du dafür büßen.“ Damit er sich nicht ganz unnütz vorkam, startete er sein Notebook, um die Sitzungsprotokolle der letzten Vorlesungen zu layouten. Immerhin eine Aufgabe, die in ein paar Stunden zu bewerkstelligen war. Diese Aufgabe, dachte er sich, würde dem bisher sauren Geschmack des Tage etwas Abhilfe schaffen.

Es war wunderbar ruhig. „Gott sei Dank, ist die verfluchte lärmende Baustelle am Sonntag außer Betrieb.“ Eine Vorstellung kam ihm auf: Die dicken Bauarbeiter saßen nun in ihren kleinen Häuschen am Stadtrand und gossen sich literweise Bier in die Schlünde, schauten Fussball oder sonst irgendeine hirnrissige Massenveranstaltung und ruhten ihre müden Knochen aus. „Gut so, jedem das seine, endlich Ruhe vor dem Fenster“, sagte er mit bewegten Lippen flüsternd und leicht wütend vor sich hin.

Ein wenig zu ruhig war es dem vom Lärm der Baustelle gebeutelten Elias nun doch. Er entschied sich klassische Musik zu hören. Er schaltete das Radio ein – wenn er klassische Musik hörte, konnte er trotzdem arbeiten, wohingegen bei gewöhnlichen Sendern die Konzentration von Minute zu Minute rapide sank. Klänge von Mendelssohn-Bartholdy halfen ihn zum ersten Mal an dem verschwendeten Tag die innere Stimmung anzuheben. Er öffnete das Dokument, das er zu bearbeiten gedachte, checkte seine E-Mails und wurde immer wacher.

Plötzlich wurde er hellhörig, drehte den Kopf leicht in Richtung Musikboxen, es war 18 Uhr 30, die Nachrichten begannen. „Was habe ich da gerade gehört“, fragte er sich zweifelnd.

„Guten Morgen liebe Zuhörer und Zuhörerinnen von SWR 2, es ist 6 Uhr 30. Hier spricht Carsten Spengemann.“

„Was?“

„Das kann nicht sein!“

Elias drehte sich um hundertachtzig Grad auf seinem Schreibtischstuhl, stand auf und ging zum digitalen Wecker auf seinem Nachttisch. „Laut Wecker haben wir 6 Uhr 30, doch könnte die Zeit auch auf amerikanischen Modus eingestellt sein.“ Jetzt wollte er es wissen und wieder zurück an sein Notebook um die genaue Uhrzeit, das Datum und die Temperatur zu erfahren. „Die letzte Instanz“, dachte er sich, „der man noch glauben schenken darf.“

Ihm wurde schlagartig bewusst, dass er sich enorm selbst getäuscht hatte. „Zwölf Stunden, Zwölf Stunden, Zwölf Stunden.“ So ging es ihm jetzt blitzartig durch den wachen Schädel. Er hatte sich noch nie so in der Zeit geirrt. Noch nie wohnte das Glück näher am Unglück. Man hatte ihm sagenhafte zwölf Stunden seines Lebens wiedergegeben. Ihn überkam ein regelrechtes Glücksgefühl und er begann äußerlich schmunzelnd tief in sich hinein zu lachen. Die Zukunft ist am attraktivsten, sie glänzt, wenn man die Vergangenheit hinter sich lassen kann. Der frische Geruch von Kaffee, den er sich gleich aufsetzen würde, gab ihm den Rest, die Gegenwart zu verherrlichen – ja sogar zu preisen. Nach einem langen, abwechslungsreichen und intensiven Sonntag fiel er voller Vitalität paradox todmüde in sein Bett, dankte Gott und freute sich auf den nächsten Tag. Carpe Diem. Carpe Diem. Carpe Diem.

 

 


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