16/9/11
Die Kerze brennt flackernd und wild direkt neben meinen zwei, noch unversehrten, Händen. Noch habe ich sie nicht missbraucht, geschweige denn etwas mit ihnen missbraucht. Ad hoc fällt mir jedenfalls nichts dergleichen ein. Ganz sicher hat die ein oder andere Geste jemandem missfallen, doch nicht mit purer Absicht, eher im Sinne von intuitiver Abwehrhaltung. Jetzt fällt mir doch die ein oder andere Schlägerei der Adoleszenz ein. Schändlich, verwerflich, untröstlich, allerdings war es nötig. Die Rangelei im jugendlichen Leichtsinn gehört schlicht und ergreifend zur Laufbahn eines Mannes. Ich denke Pazifisten wurden nicht geboren, sie wurden zu dem, für was sie sich schließlich ausgeben, durch die Erfahrung von körperlicher Gewalt. Ob sie sie, in ungünstigsten Fällen, an sich selbst erlebt haben, oder sie sie in Form von Beobachtung erfahren haben. Uns Menschen wohnt nunmal eine Konstante inne, namentlich die der Mimesis, sprich der Nachahmung. Lapidar dahingezüngelt: Wir stammen aus Welten voller Krieg und Blut; die Männer spielten nunmal die tragische Hauptrolle. Wer sieht als Balg seinem Vater nicht gerne zu, wie er, sei es ein Notfall, die Familie mit Fäusten verteidigt. Soviel dazu. Wie gesagt lapidar.
Ich jedoch sitze nicht mit verwundeten und hasserfüllten Pranken am Schreibtisch. Allenfalls richte ich die Kraft durch die Zeilen, die zum Vorschein kommen, aus dem vermeintlichen Nichts geboren werden, gegen mich, um mich auf eine Art zu formen. Eine innerliche selbstgewollte Justierung der Individuation – der forcierten Ich-werdung. Viel zu lange glitten die Sentenzen nicht. Kein Eiskunstlauf auf der blanken weißen Fläche. Die schwarzen Zeichen sind Gravuren auf dem Eis des reflektierenden Geistes. Wünschenswert wären Pirouetten, die solide ausgeführt und gelandet werden. Allem Anschein nach hat dieses skizzenhafte Moment eher etwas von blutigem Training. Ich spüre wie mein Kopf sich dreht, obwohl er still auf dem Rückgrat sitzt und auf, den sich füllenden, weißen Hintergrund starrt. Manchmal etwas lethargisch, gleichzeitig vollen Mutes und Entschlossenheit. Es bedeutet ihm was, die feinen Risse in die Eisdecke zu meißeln. Mal trifft er die richtige Entscheidung und die kunstvollen und interessanten Windungen werden sichtbar in den Boden gerammt. Was ich weiß, ist, dass in letzter Zeit viel zu wenig auf dem Blatt geschah. Hiermit versichere ich, #### ##########, in Zukunft mehr Eiskunstläufe zu laufen.
Happiness is only true, if shared. Fällt mir gerade so ein…
Vielleicht bringt eine neue Zigarette den sehnsüchtig erwarteten und zündenden Anfang. Versuch:
Nachdem wir in einer alten Wirtsstube ein Gläschen Wein tranken, liefen wir gemütlich die Straße gen Heimathaus hinunter. Jedem stand ein leichtes Grinsen im Gesicht geschrieben. Die peinliche Tanzmusik in dem erwähnten Wirtshaus trennte uns von einer, wie wir nunmal alle denken, etwas traurig anmutenden Abendunterhaltung für Rentner. Es war klar, keiner von uns, auch wenn die Ältesten schon die fünfzig erreicht hatten, wollte dazugehören. Eine gewisse jugendliche Arroganz belächelte dieses lästige Ambiente des Tanzlokals. Es war ein gut bürgerliches Wirtshaus mit angrenzendem Tanzlokal. Mir erschien es unmöglich dort nur auch einen kleinen Happen hinunterzubekommen. Ich möchte nunmal, bzw. noch nicht, – wer weiß das schon mit vierundzwanzig – schlechte Musik mit schwitzenden Rentnern hinter mir wissen, wenn ich meinen Toast-Hawaii genieße. Soviel zum Ambiente. Aufgrund der eben erwähnten unpässlichen Lage das Abendgericht einzunehmen, verließen wir das Lokal, um einen geeigneteren Ort aufzusuchen. Wir entschlossen uns schließlich für ein gemütliches Häuschen mit ehrbarem Namen im unteren Teil des Dorfes.
Als wir die Straße hinunterliefen, voller Hunger und lustiger Verachtung im Bauch, erzählte mir meine Tante eine kleine Anekdote über ein frühes Erlebnis ihrer Jugend, in eben jenem Tanzlokal. Mir fiel nichts besseres ein, als herzlich darüber zu lachen, da ich die genauen Umstände und die Räumlichkeiten noch dicht vor Augen hatte. Herzhaftes Lachen überkam mich. Als die Lage wieder etwas ernsthafter und nicht gar so verspielt jugendlich wurde, sagte mir meine Tante plötzlich folgende Worte in die Augen: „Du lachst ab und an wie dein Vater Günter.“ Mir blieb die Zunge im Hals stecken, aus dem einfachen Grund, weil solch ein Vergleich zwischen mir und meinem Vater noch nie ansatzweise zur Geltung kam.
Ich runzelte die Stirn: dieser Vergleich zwischen mir und meinem Vater war wohl genetischer Natur. Durchaus schöne Worte, ein stolzer Hinweis meiner Tante, sage ich nun im Nachhinein. Alle möglichen Vergleiche waren mir bis zu diesem Zeitpunkt schon untergekommen. Das ähnliche Gebiss; derselbe Gang in mancher Lebenslage; die gleiche Zitterei; die Schweißperlen auf der Nase oder die affine Handschrift, alles scheinbar vererbte äußerliche Gegebenheiten meiner Natur. Natürlich, um das letzte Wort nochmals aufzugreifen, setzt sich jeder irgendwann einmal mit seinen Ahnen auseinander, und fragt sich, welche generationsspezifischen Parallelen auffallend sind. „Wieso bin ich eigentlich so?“
Da liegt es nahe den Blick auf die Erzeuger, bzw. die Familie, zu werfen. Vieles erklärt sich selbstverständlich auch von der Erziehung her. Manche Dinge sind gleichwohl, für den einen mehr, für den anderen weniger, augenscheinlich. Man versucht sich irgendwann abzusetzen, um sein, vielleicht ins sich schlummerndes, persönliches Ich besser herauskristallisieren zu können. In dieser Phase, die meist ein Leben lang dauert, möchte man nichts von Vergleichen hören, es sei denn, es handelt sich um einzigartige, und in Form eines Kompliments gewickelte, Ähnlichkeiten, oder gar unbewusste Nachahmungen die Stärke bedeuten. Jetzt könnte man sagen, dass eben seniorenhaftes und juniorenhaftes Lächeln – Lachen wäre zu viel des Guten – doch eine wundervolle Ähnlichkeit darstellen. Warum nur runzelte sich meine Stirn und aus welchem Grund wurde ich so nachdenklich, immerhin schreibe ich diesen nicht ganz unbedeutenden Gedankenexkurs nicht mir-nichts-dir-nichts nieder. Warum musste dieser Vergleich aus dem Unterbewussten meiner Tante gerade zu der Zeit aus ihr herausspringen, als mein Vater bereits den dritten Herzinfarkt hinter sich hatte. Ja, so muss es wohl sein:
Wir sind uns, nach knapp zehn Jahren, schroff formuliert: halb und voller Gleichgültigkeit, auf eine Art und Weise wieder nähergekommen, die beide von uns tief in sich spüren. Er lächelte einst, als ich ihn im Krankenhaus besuchte, über den Tod. Ich lächelte, da er sich plötzlich merklich wandelte. Er veränderte sich nicht auf zynische Art und Weise. Ich hatte das Gefühl, eine weisere Natur konnte nun endlich zum Vorschein kommen, sich mir zeigen. Nicht das er mich zu Besuchs- oder zu früheren Zeiten im Hospital, sensibler behandelte. Allerdings hatte ich jedes mal das Gefühl, er konnte sich endlich, in Zeiten des Todes, von seiner bisher so schändlich getragenen Maske entledigen. So war es, und im Nachhinein wird einem alles klarer: Es war der Weg des Lächelns den er jetzt ging. Wie ich bereits erwähnte gab es im vergangenen Jahrzehnt nicht viel zu lachen zwischen ihm und mir, geschweige denn zwischen ihm und meiner Mutter, oder meiner Schwester, sprich der gesamten Familie. In diesen Zeiten jedoch, in den es körperlich fast ein Ende mit ihm nahm, sah ich ihn meist lächelnd.
Scheinbar hat er wirklich keine Angst vor dem Tod. Nachdem wir soweit gekommen sind überfällt mich dieser Ausspruch meiner Tante immer süßer. Der gesagte tief eingedrungene Ausspruch von ihr hat nun den Charakter des Stolzes angenommen – die eingeschriebene Würde eines Mannes, dem ich wirklich gerne ähnlich sein möchte. Der Vergleich erzeugt die Tragkraft einer Welt kriegerischer Natur, die doch den Weg des Lächelns gehen muss. Muss! Soviel zur anthropologischen Konstante.
Es war bereits das dritte Mal
Glaubst du an ein viertes Mal?
„Alle guten Dinge sind drei!“
Gevatter Tod, du schaust demselben in die Augen, du weißt es!
„Bereue nichts, verlasse kein Chaos.“
„Es geht nicht mehr lang und du verlierst!“
„Meine Pflanzen gedeihen prächtig.“
Ist es so, dass die Liebe schweigt und dennoch gut gedeiht?
„Ja, sie bleibt, ihr bleibt, ich gehe.“
„Du hast nichts bereut?“
„Nein, all meine Ziele erreicht.“
„Verzeih!“
„Reduzieren am Leben?
Verlieren? Nein! Lieber leben lassen!
Ihr seid dort, wohin ich euch wünschte.“
„So schmeckt das Essen nicht,
so lebt sich das Leben schlecht.“
Der ewige Schlaf versenkt.
„Hast du etwa nichts verdrängt?“
„Ich hab DIR das Leben geschenkt,
hab meines gekostet und erhängt,
es hat viel gekostet, doch
ist nunmal nichts im Leben geschenkt.“
Als Materialist geboren
hinterlässt du ideelle Sporen,
die Spuren nach deinem Leben.
Meines beginnt!
