Wie auf dem Nichts plötzlich etwas steht

27 12 2011

Was ich hier treibe, was ich hier suche, was ich möchte und vor allen Dingen, was soll diese Schreiberei? Sie ergibt nicht den geringsten Sinn, außer, dass etwas von selbst entsteht, ob es nun nützlich sei oder nicht. Ich denke, es liegt nicht in meiner Hand, nicht in meinen Fingern, und schon gar nicht zwischen der Kommunikation des Gehirns mit den flinken Fingerchen, die über die Tastatur huschen, als würden sie gejagt werden.

Der pikante und bittere Geruch, der mir von rechts aus dem Aschenbecher entgegenströmt, meine Nüstern kitzelt, indem er sie leicht beisst, ist wohl auch alles andere als komfortabel. Was soll der ganze Terz? Alles ein beschissenes aufgesetztes Klischee, von dem ich nicht einmal weiß, ob es mir darin gut gehen wird. Genau so wird man doch die ganze Zeit, getrieben von einer inneren Peitsche, irgendwohin getrieben, ohne wirklich zu wissen, ob es auch der passende Handschuh ist. Man streift sich etwas über, das meist zu groß oder zu klein ist.

Gefühlsduselei hin, Empfindsamkeit her, der Widerspruch war schon immer die größte Faszination, die ich kannte, doch verliert auch das Widersprüchlichste irgendwann seinen Reiz. Ja, und in genau solch einem Moment befinde ich mich gerade: suhlend, wie ein gemästetes Schwein, im Schlamm, in den eigenen Trümmern der Identität. Wahrlich eine bequeme Lage im Schmutz zu finden, das wäre doch mal eine Motivation, ein Lebensinhalt. Doch auch dieser Schotter scheint mir im Moment zu bequem.

Verschont mich vor Halbundhalbtagen, um es mit Hesse auszudrücken, gebt mir Beschissenes und ich werde euch etwas daraus basteln. Aber eben diesen Weg will ich nicht gehen, da er schon so oft vor mir gegangen wurde. Für einen Alchemisten will ich nicht gehalten werden. Mir geht es gut, keine Frage. Mir geht es nicht schlecht, keine Frage. Wie geht es mir denn? Ich habe nicht die geringste Ahnung, das wäre vermutlich die ernstgemeinteste Antwort, wenn ich schon darauf bestehe, meinen behämmerten Fragen eine Rückkoppelung zu verpassen. Wenn ich jetzt schreibe: „Elender Skribent lass mich bitte in Ruhe!“, dann denkt nicht nur die Hälfte: „Oh, der Grad zur gespaltenen Persönlichkeit ist gleich erreicht, bange!“.

Vielleicht ist die Hälfte einfach nur zu wenig. Just in dem Augenblick, indem ich weiß, ich bin alleine und doch umgeben, ja, dann fängt die Party an. Dann geht es rund und jeder darf sich mal zu Wort melden. Jeder darf ein Sätzchen zum Besten geben, und ich trage Sorge dafür, dass auch wirklich nichts verloren geht. Bisher sind leider die meisten noch etwas schüchtern, verstecken sich hintereinander, gehen sich gegenseitig aus dem Weg. Alles was dann letztendlich meine Aufgabe wäre, und ja, ich sehne mich nach einer wirklichen Aufgabe, nach einer Mission, nach einer selbstauferlegten Berufung, wäre: das Medium zu sein. Die Kerze, die sowohl von unten als auch von oben brennt, die rege Gesellschaft mit Brennstoff zu versorgen; lediglich ein Medium – das brennende Wachs, das etwas erleuchtet, worauf ich alleine nicht kommen kann. Dafür benötigt nun einmal jeder etwas Hilfe. Mit weit ausgestreckten Armen und einem runden Kopf, der für alles empfänglich ist, stehe ich hinter der Schranke und warte, bis sie entweder von selbst zerbirst oder ein gewisser jemand, es darf auch ein Teil von mir sein, diese Schranke öffnet und das Ungetüm in Form eines Brennmaterials auf die Tanzfläche von paper blank loszulassen.

Allmählich lichtet sich mein Studierzimmer, es wirkt kahler, da die Kleinigkeiten abmontiert wurden. Und das ist gut so, es schreit in mir nach einer leckeren Katharsis. Das sie nicht einfach werden würde, wusste ich von Anfang an. Allerdings entsteht nur dort etwas Neues, wo ein gewisser Grad an Chaos herrscht. Sprich, die gewohnten Blickfänger müssen verschwinden, um die Blicke zu schärfen, die Perspektiven und Objektive zu justieren. Dort Platz schaffen für Leere, ergo Chaos, nur dort wird sich etwas neues entwickeln. Wo nichts ist, ist entweder Weiß oder Schwarz. Entwickelt sich ein Film, eine Kamera zum Beispiel, nicht auch aus dem absolut verdunkelten Zimmer, aus dem schwarzen Fleck, aber dennoch entsteht der Abdruck auf dem unentwickelten Film nur durch die pure Einwirkung der Überfülle der Farben, also dem Weiß. Schwarz und weiß, ja da haben wir sie wieder, die guten alten Vertrauten – die Widersprüche, das Paradoxe.

Nichtsdestotrotz muss gesagt werden, dass ich mich noch in einer grauen Zone, einer fatalen, na ja etwas bunt formuliert, angeklecksten Situation befinde. Zu aller erst muss Farbe abgetragen werden, um ungekannte Farben zuzulassen. Die Palette muss gesäubert werden, um eine ungewohnt, vielleicht zunächst etwas merkwürdige Kombination aus verschiedensten Einflüssen, schmeckende Konstellation erkennen zu können. Ja, ich hoffe aus diesem kackbraunen Bluterguss etwas deuten zu können. Die schwere neue Palette, gehäuft mit Allerlei an Erfahrung werde ich mir unter die Nase reiben, mich damit einschmieren, mich vor den Spiegel stellen, mich im Kreis drehen, mich betrachten und solange weiter auftragen, bis ich das Gefühl bekomme, daraus lässt sich ein kleines Fernrohr in Richtung Ewigkeit abkupfern. Mehr als abkratzen werde ich nicht können, für den Anfang jedoch wird und muss es reichen. Ich denke, es würde mich, wenn auch nicht weit, allerdings ein Stückchen weiter bringen. Dieser verquere Gedankengang lässt sich auch kürzer fassen: das Abkratzen der neuen Kruste, die im Ofen des Lebens frittierte Ummantelung abzuwälzen, die Schälung, das Häuten der brennenden Zwiebel zu genießen; ich weiß, ich freue mich schon darauf!

Anzusammeln durch Jagd, archivieren durch Entblössung, damit wären zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Ein Prozess, der sich meiner Meinung nach lohnt. Wem bereitet es keine Freude, seine frisch vernarbte Wunde zu entkrusten. Ein endlicher Vorgang mit ewigem Hintergrunde. Die Narbe bleibt und die Geschichte erst recht. Der Wille zur Destruktion geht einher mit dem Trieb so großartig zu leben, wie nur möglich.

Habe ich etwas nicht bedacht? Habe ich mir Unrecht angetan? Nein, nicht im Geringsten, du bist auf dem besten Wege ein reicher Mann zu werden. Allerdings muss am Rande noch der humane Aspekt erwähnt werden: Keiner außer dir selbst darf zu Schaden kommen! Und dieser Schmerz bedeutet nur Öffnung und Hingabe, also ist es kein wirklicher Schmerz. Es ist eine Angleichung an die Härte dieser Welt, ohne selbst zu Stein zu werden. Man wird weicher und edler, indem man härter geworden ist. Nur wenn jeder, ohne den anderen zu verletzen, sich selbst verletzt, erlangen wir den Grad zur ultimativen Hingabe untereinander. Die radikale Öffnung ist nahezu unmöglich, hingegen den Weg zu gehen nicht. Er ist möglich. Er führt geradezu in den Palast der gemeinsamen Weisheit. Entweder gibt es Alles oder Nichts: Man darf nicht vergessen, dass beides dasselbe ist. Also ist alle Weisheit eine gemeinsame oder eben keine. Eine Weisheit verbindet uns alle. So wie Alle nach einer Weisheit trachten – je mehr Blickwinkel, desto näher sind wir uns. Je weniger Perspektiven, desto mehr entfernen wir uns voneinander.

Was uns verbindet? Die Tatsache, dass wir hier unten endlich und damit sterblich sind. Schwelgen wir in Begeisterung, egal welches Gewand sie trägt, haben wir einen gemeinsamen Nenner: die Fantasie. Wenn wir uns nur mehr über Fantasie verständigen könnten, hätten wir so manchen Unmut von der Straße gefegt. Also alle Macht der Fantasie. Auf dem Lande paper blank steht die frischgebackene Königin mit dem Zepter der Poesie in der Hand. Ihr Name lautet Fantasia. 



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